Die Marke Luther, die Innerlichkeit und die Bildung

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Die Marke Luther, die Innerlichkeit und die Bildung

Der lutherische Christ ist einsam, einzeln und innerlich“ befindet der Medientheoretiker Norbert Bolz und spricht von einer „kopernikanischen Wende zur Innerlichkeit“, die Luther ausgelöst habe durch die Vorstellung, dass das Reich Gottes bereits da ist, in dem und für denjenigen, der glaubt. Das Seelenheil ist allein durch den Glauben zu erlangen: sola fide! Durch Luther sei der Christ überhaupt erst religiös autonom geworden, ohne diese Wende würde es die moderne Individualität gar nicht geben. Es ist also im Ursprung ein religiöses Motiv, das u.a. diese säkularen Folgen zeitigt. Umgekehrt gilt: Nur durch die medientechnische Revolution des Buchdrucks konnten die reformatorischen theologischen Ideen ihre zeitgenössische Wirkung entfalten. Der mittelalterliche Medienstar hatte erheblichen Anteil daran, dass 1523 dreimal so viele Bücher in Deutschland gedruckt wurden als in Italien und Frankreich zusammen. Zwischen 1518 und 1530 wurden ca. zwei Millionen Lutherschriften gedruckt und verbreitet. Luther, dessen Konterfei seine Leser in ganz Deutschland kannten, wurde dadurch selbst zur Marke.

Sola scriptura!

Ebenso so sehr, wie die expandierende Distribution theologischer Schriften – zumal in der deutschen Sprache – die Verbreitung des Evangeliums beförderte, entsprach dieser Weg auch dem Kern der lutherschen Lehre. Denn mit der Betonung der Heiligen Schrift wurden die verhaltenssichernden Rituale weniger bedeutsam, wie sie in der Vielzahl der Sakramente durch die katholische Kirche bereitgestellt wurden. Es entsprach dem Leitgedanken des Priestertums aller Gläubigen, dass diese selbst sich durch die Lektüre der Bibel ins Gespräch mit Gott – ohne Vermittlung von Autoritäten – begeben sollten. Damit der Einzelne die Religionsinhalte eigenständig durchdringen und sich aneignen konnte, mussten die Voraussetzungen dazu durch Erziehung und Bildung geschaffen werden. Luther selbst hatte sich 1524 „an die Ratsherren aller Städte im deutschen Land“ gewandt mit der Aufforderung, „dass sie christliche Schulen errichten und unterhalten sollen“, für die er mit der Zusammenfassung der wichtigsten Glaubensinhalte im Katechismus eine Art Schulbuch verfasste.

Bildung als protestantisches Modell

Unabhängig von diesen äußeren Anstößen einer durch die Reformation bewirkten Bildungsförderung entfaltet der Jenaer Professor für Historische Pädagogik, Ralf Koerrenz, die weiter reichende These, dass Bildung „in der Moderne letztlich ein protestantisches Modell aus dem Geiste der Aufklärung“ sei. Dabei legt er einen Bildungsbegriff in seinen humanistischen und aufklärerischen Bedeutungsvarianten zugrunde, nach denen Bildung als Prozess und Resultat individueller Bemühungen zur persönlichen Vervollkommnung verstanden wird. Bereits im 19. Jahrhundert setzte eine erste Deformierung des Begriffs ein, die „Bildung“ mit der Kontrolle über individuelle oder kollektive Wissensbestände gleichsetzte. Heutzutage wird von interessierter Seite – unter Zuhilfenahme des Kompetenzkonzepts – eine Konnotationsverschiebung dahingehend betrieben, dass Bildung zum „Investitionsgut“ umdefiniert wird, das der individuellen Marktfähigkeit bzw. der Zukunftsfähigkeit unseres Landes dienen soll.

Sola gratia!

Was bedeutet es, Bildung – verstanden als Selbstbildung eines Individuums – aus den Wurzeln des Protestantismus hervorgehend zu rekonstruieren? Der Sache nach, so Koerrenz, sei Bildung bereits in reformatorischen Grundprinzipien angelegt; gemeint ist die Unmittelbarkeit göttlichen Gnadenhandelns gegenüber dem Einzelnen bzw. komplementär dazu das Priestertum aller Gläubigen. Dies verweise den Menschen letztlich auf sich selbst und gäbe dem in der Aufklärung aufkeimenden Freiheitsgedanken den faden Beigeschmack von Verlassenheit und Einsamkeit. Eine Kompensationsstrategie, in der Freiheit und Einsamkeit gleichermaßen aufgehoben werden konnte, sei Bildung. Die Leistung des Protestantismus liege darin, den Menschen durch die Botschaft der Rechtfertigung allein aus Gnade zum Aushalten einer verantwortlichen Lebenslaufgestaltung ermächtigt zu haben. Allerdings sei erst im Zuge der Aufklärung ein auf Selbstreflexivität ausgerichtetes Bildungsverständnis konzeptionell entfaltet worden. Die Wertvorstellungen der Aufklärung seien dabei mit zentralen Leitmotiven der Reformation verschmolzen worden. Der Mensch sollte sich mit sich selbst und auch mit Gott hinsichtlich der verantwortungsvollen Gestaltung des Lebenslaufs in Einklang bringen können.

„Bildung“ versus „culture“

Die Aufklärung wurde in Deutschland nicht gegen, sondern gerade auch durch Theologie und Religion initiiert und betrieben. Was in Deutschland durch theologische Fakultäten vorangebracht wurde, war in Frankreich die Angelegenheit von Salons und Akademien. Bis heute sind die Unterschiede beider Länder in der Behandlung der Religion durch den Staat und in deren Bedeutung für die Gesellschaft spürbar. Koerrenz ist der Ansicht, dass im Protestantismus von einer Transformation der Religion in das Modell der Bildung gesprochen werden kann. Der deutsche Begriff „Bildung“ unterscheidet sich denn auch in seinen Konnotationen von den kulturspezifischen Deutungsmustern „culture“ und „civilisation“ im französischen Kontext. In Koerrenz´ Darstellung wird der sonst eher allgemein postulierte Zusammenhang von Protestantismus und Bildung zugespitzt und konkretisiert.

Ralf Koerrenz (Hg.), Bildung als protestantisches Modell, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013

Red.: Bernd Eckhardt
Foto: Hans-Jörg Nisch/fotolia.com

Bernd Eckhardt

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Leiter Fachbereich Sprachen an der VHS Frankfurt bei VHS Frankfurt
Sprachexperte
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