Leichte Sprache, Einfache Sprache – zu viele Nutzer?

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Leichte Sprache, Einfache Sprache – zu viele Nutzer?

Auch wenn sich die Begriffe Leichte Sprache und Einfache Sprache in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend festgesetzt haben, werden sie oft nicht trennscharf voneinander geschieden, obwohl die damit verbundenen Konzepte erkennbare Unterschiede aufweisen. Die Konfusion wird sicher auch genährt durch verwandte Initiativen, z. B. die einer „Verständlichen Sprache“ für Veröffentlichungen von Verwaltungen. Leichte und Einfache Sprache wollen sprachliche Hürden für diejenigen abbauen, die Alltags- oder fachsprachliches Deutsch nicht oder nur schwer verstehen, um gesellschaftliche Teilhabe nicht an fehlender sprachlicher Kompetenz scheitern zu lassen. Dass in der hoch entwickelten Industrienation Deutschland größere Teile der Bevölkerung über eine nicht ausreichende Schriftkompetenz verfügen, wurde schon in den 1970er Jahren erörtert, zu einer virulenten Debatte aber erst durch eine Studie aus dem Jahre 2012, die 14, 5 % der Bevölkerung (7,5 Millionen Menschen) als Betroffene ausmachte.

Das Regelwerk…

Der Anstoß zur Leichten Sprache kam aus den USA über die Idee des „Easy Read“ und wird seit den Nuller-Jahren durch das Netzwerk Leichte Sprache, Wohlfahrtsverbände, soziale Einrichtungen und Vereine propagiert und getragen; viele Behörden gehen dazu über, Texte in Leichter Sprache zu verfassen, es gibt eine einschlägige Webseite und eine Monats-Zeitschrift. Obwohl mittlerweile feste Regelwerke existieren und auf europäischer Ebene auch ein Gütesiegel, ist der Begriff nicht geschützt. Leichte Sprache zeichnet sich aus durch kurze Sätze mit maximal acht Wörtern, das Weglassen von Passiv, Negation, Genitiv und Konjunktiv, sowie das Vermeiden von Fremd- und Fachwörtern. Für die Einfache Sprache dagegen gibt es kein festes Regelwerk, die Texte dürfen komplexer, sollen aber logisch und übersichtlich aufgebaut sein; die Sätze sind länger (maximal 15 Wörter), Nebensätze und höchstens ein Komma sind erlaubt. Fremdwörter sind nach Möglichkeit zu vermeiden oder zu erklären.

…und die Zielgruppen

Grob gesagt fokussiert die Einfache Sprache Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen auf dem Leseniveau von A2-B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens, Leichte Sprache konzentriert sich auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernschwierigkeiten, angesiedelt auf dem Sprachniveau A1. Darunter fallen Menschen mit Leseschwierigkeiten unterschiedlicher Art, nichtdeutsche Muttersprachige, Menschen mit Altersdemenz, gelegentlich werden auch Jugendliche mit Migrationshintergrund genannt. Der Übergang zur erstgenannten Zielgruppe ist also fließend. Es darf bezweifelt werden, ob es für eine derart heterogene Gruppe eine einheitliche Lösung geben kann und sollte. Unterschiedslos werden Menschen, deren Schwierigkeiten eher nicht oder kaum behebbar sind mit denjenigen zusammengeführt, deren Prozess des Erwerbs der Zielsprache Deutsch noch nicht abgeschlossen ist. Für solche, denen das Beherrschen lernen von komplexeren Sprachstrukturen zugemutet werden kann, sollte die Leichte Sprache aber nur eine Übergangslösung sein, damit sie nicht den Erwerb benötigter Sprachkompetenzen unterbindet, denn eine Vereinfachung sprachlicher Strukturen ist nicht ohne Verluste zu haben, die stets gegen den Nutzen größerer Teilhabe abzuwägen sind.

Breite Verfügbarkeit – unerwartete Nutzer

Zu dieser breiten Zielgruppenbeschreibung gesellt sich nun die Beobachtung, dass Texte in vereinfachter Sprache zunehmend auch von Menschen in Anspruch genommen werden, die nicht zu den ursprünglich anvisierten Zielgruppen gehören. Man kann dies auch als einen Beleg für das Eintreten der Befürchtung lesen, dass das Anliegen der Befürworter der Leichten Sprache überdehnt wird. Selten haben Innovationen nur die intendierte Wirkung und die unbeabsichtigten sind nicht immer willkommen. Im Lichte der o. a. Beobachtung kann eine breite Verfügbarkeit von Texten in Leichter Sprache paradoxerweise dazu führen, dass Texte in schwieriger Sprache nun erst recht für eine bestimmte Klientel unzugänglich bleiben. Die breite Verfügbarkeit resultiert auch daraus, dass Regierungen und Behörden inzwischen aufgrund von Gesetzen verpflichtet sind, Informationen in Leichter Sprache zu veröffentlichen und diese Praxis von vielen Institutionen, gerade auch im Bildungsbereich, übernommen wird.

Der Reiz der Reduktion

Im Feuilleton wird über den „unheimlichen, aber schädlichen Erfolg eines wahrscheinlich gutgemeinten Projekts“ räsoniert. Mit dem Unheimlichen ist sicher die überraschende Ausweitung der Beliebtheitszone der sprachlichen „Notration“ gemeint, die nun auch die Branche der kunstfertigen Schreiber erfasst hat. Denn in Frankfurt am Main haben sich unter Vermittlung des Literaturhauses und der städtischen Stabsstelle Inklusion sechs Autoren zusammengefunden, die Geschichten zu Ereignissen und Orten der Frankfurter Stadtgeschichte, also originäre literarische Texte, in einfacher Sprache schreiben wollen. Ihr Credo: Bevor man eine „Infantilisierung“ der Sprache beklage, solle man auch im Ästhetischen die Chancen sehen, die sprachliche Barrierefreiheit bieten könne, denn die Reduzierung der Sprache führe nicht zwangsläufig zu reizlosen künstlerischen Resultaten. Es klingt aber doch ein wenig nach Selbstüberredung, wenn das eigens erstellte schmale Regelwerk zu einem „künstlerischen Manifest“ hochgejazzt und der Vergleich mit dem „Dogma“ des Filmemachers Lars von Trier bemüht wird. Eine erste Lesung soll allerdings ein sonst für Literaturprodukte nicht erreichbares Publikum gefunden haben. Das Verstörende der programmatischen Aussagen liegt sicher darin, dass es bisher als ausgemacht galt, Literatur beziehe ihren Reiz eben nicht aus Vereinfachung, sondern aus dem Reichtum und der Vielfalt von Syntax und Wortschatz, dem Ungefähren, den Zwischentönen, vagen Andeutungen und Nuancen.

Sprache und Denken

Nun ist einerseits niemand gezwungen, sich an literarischer Schmalkost zu laben und andererseits wird offenbar eine bislang vernachlässigte Zielgruppe erfolgreich angesprochen. Die Besorgnis geht denn auch eher dahin, dass der öffentlichen Kommunikation die Komplexität ausgetrieben wird, wenn der Adressatenkreis von Leichter und Einfacher Sprache zunehmend wächst und eine Verarmung der Sprache auch eine des Denkens zur Folge haben könnte. Vereinfachung verändert unstreitig den Aussagegehalt von Texten, wenn der allgemeinen Verständlichkeit wegen z. B. die Detailgenauigkeit geopfert wird oder Negationen ins Positive umformuliert werden. „Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern“ wusste bereits der Philosoph Nietzsche; in dem Furor der Umarbeitung von Texten unter der Regie eines florierenden Geschäftszweigs droht der einfache Sachverhalt verloren zu gehen, dass unterschiedliche Ausdrucksformen unterschiedliche Bedeutungen haben. Darüber hinaus legt der Stand der Forschung einen Effekt sprachlicher Strukturen auf Denkprozesse nahe, ein Einfluss von Sprachregistern unterschiedlicher Komplexität auf Denkstrukturen gilt als wahrscheinlich. Von – allerdings wenigen – Akteuren wird unter Bezug auf wissenschaftliche Autoritäten zudem argumentiert, es gelte, die Sprache ihres Herrschaftscharakters zu entkleiden. Dass der Ausbau des Deutschen zu einer Hoch- und Kultursprache sich einer Langzeit-Spracharbeit verdankt im Rahmen immer komplexer gewordener gesellschaftlicher Strukturen, droht hinter der fixen Idee zu verschwinden, es handele sich bei komplizierten sprachlichen Konstrukten um Maßnahmen zur sozialen Abgrenzung und des kommunikativen Distinktionsgewinns – die es selbstredend auch gibt.

Der Trend zur Erleichterung durch leichte Sprache

Zu schlechter Letzt korrespondieren die gutgemeinten Fördermaßnahmen – besser: ihre prekären Sekundäreffekte – mit einem allgemeinen Trend in Bildungspolitik und -praxis, der kritisch zugespitzt mit „Ermäßigungspädagogik“ und „Weg in die Inkompetenz“ umschrieben wird. Bei der Absenkung von Standards scheint es keine Untergrenze mehr zu geben; die letzten Nachrichten zu Leistungsabstinenz und Bildungsabbau kamen aus Rheinland-Pfalz, mit der vorzeitigen Bekanntgabe von Abiturthemen und aus Sachsen-Anhalt, mit einem Geschichtsunterricht fast ohne Ereignisse, Daten und Chronologie. Passend dazu die mangelnde Wertschätzung korrekter Schriftsprache im Schulbetrieb: Sei es die Einführung der Druckschrift, die Lernmethode „Schreiben nach Gehör“, der Stellenwert von mündlichen und schriftlichen Leistungen im Vergleich oder die Grammatikvermeidung im Unterricht des Deutschen; die Ergebnisse all dieser Maßnahmen sind bekannt und stehen sämtlich im Dienste des einen Ziels: Zugangserleichterung.

Verkümmerung von Kulturtechniken

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann hat es einmal so formuliert: „Wer liest oder schreibt, dem muss im Wortsinn Hören und Sehen erst einmal vergehen. Der Sinn von Schule lag einmal darin, diese Negation erfahrbar zu machen und einzuüben.“ Weil der Schreib- und Leseunterricht an den deutschen Schulen dem aber nicht mehr gerecht wird, spricht Liessmann von der „Geistfeindlichkeit“ einer Praxis der Unbildung, die den „Analphabetismus als geheimes Bildungsziel“ offenbare. Es geht ihm um die Praktiken, Texte drastisch zu vereinfachen, um so die Lesefähigkeit zu steigern; dies auch im Dienste einer Kompetenzerfassung, die ohnehin knappe Lesetexte mit Arbeitsaufträgen, Kontrollfragen und Übungen ergänzt und dabei die originäre Lese-Lust des Eintauchens in einen längeren Text austreiben helfe. Es geht ihm ferner um die Abschaffung des Schreibens in Aufgaben des Sprachunterrichts, bei denen nur noch Worte einzusetzen, zu unterstreichen oder zu ergänzen sind. Die Fähigkeit, zusammenhängende Sätze zu bilden, die einer eigenen gedanklichen Logik folgen, einen Schreibprozess selbständig zu gestalten, werde nicht mehr gefördert. Neben der Verkümmerung von Kulturtechniken erscheine Sprache nur noch als Medium der Übermittlung von Informationen; hinter den pragmatischen Aspekten gehe der Sinn für Rhythmus, Stil und Schönheit verloren, könne sich kein Enthusiasmus für Schicksale und Geschichten in literarischen Texten entwickeln.

Fazit
Wenn sich die negativen Trends hinsichtlich der Lese- und Schreibfähigkeiten deutscher Schüler nicht umkehren lassen, wird der Bedarf bzw. der Konsum an Leichter und Einfacher Sprache künftig ein Vielfaches des heutigen Umfangs ausmachen. Wie wird die vielfach beschworene Wissensgesellschaft der „Bildungsrepublik“ Deutschland damit umgehen?

Red.: LLL/Bernd Eckhardt
Foto © chrupka/fotolia.com

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Bernd Eckhardt

Bernd Eckhardt

Leiter Fachbereich Sprachen an der VHS Frankfurt bei VHS Frankfurt
Sprachexperte
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