Sprachwandel als Normalfall

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Foto: Christian Schwier/fotoliaAls die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung im Herbst 2013 den „Ersten Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ veröffentlichte, waren nicht wenige überrascht. Wohin die Forscher auch sahen, für Fatalismus gab es keinen Anlass. Keine Verarmung des Wortschatzes, kein Verfall der Grammatik, im Gegenteil: der Wortschatz des Deutschen wächst seit hundert Jahren in allen untersuchten Textsorten, die Grammatik zeigt sich robust gegenüber den Anglizismen, leichte Einbußen (Konjunktiv- und Kasusverwendung) werden einer Tendenz in allen großen Kultursprachen zugeschrieben.

Die Sprache wird grammatikalisch einfacher, während sie Wörter hinzugewinnt. Untersucht wurde das „Standarddeutsche“, also geschriebene und redigierte Texte aus der Belletristik, aus Zeitungen sowie wissenschaftliche Prosa und Gebrauchstexte. Kritik am Lagebericht entzündete sich unter anderem daran, dass man diejenigen Bereiche nicht in die Untersuchung einbezogen habe, in denen die größten Veränderungen im Sprachgebrauch zu verzeichnen seien: E-Mailverkehr, Internetblogs und -chats. Das dort sichtbare „Schreibchaos“ wird mal der missglückten Rechtschreibreform angelastet, mal einer menschlichen Adaption an die medientechnologische Evolution: die Schreibsorgfalt lasse nach, gerade weil theoretisch alles schnell korrigierbar wäre bzw. automatisch korrigiert wird.

Katalysator des Sprachwandels

Der Linguist Uwe Hinrichs stellt – jenseits geschriebener Texte – einen beschleunigten Wandel in der spontan gesprochenen deutschen Umgangssprache fest. Die Konfrontation mit Migrantensprachen sei der wichtigste Katalysator dieses Wandels. Es bilde sich eine „Norm zweiter Ordnung“ heraus, Sprachformen am Rand und außerhalb des Standards, die irgendwann den nächsten Schritt in die Schreibsprache gehen und – als letzter Schritt – von der Grammatik kodifiziert würden. Als nachgeordnete Faktoren für Veränderungen nennt er die Anglisierung, eine auch medial (Fernsehen, Talkshows) erzeugte „Renaissance der Mündlichkeit“, Kommunikationsformen im Internet und ein gesunkenes Niveau der (und Interesse an) Allgemeinbildung. Hinrichs qualifiziert seine Analyse einschränkend als „Bestandsaufnahme“, der beobachtete Entwicklungstrend sei derzeit noch nicht schlüssig zu beweisen. Dazu fehle es auch an unzweifelhaften statistischen Daten. Für ihn steht aber fest: Im Zuge der „neuen Mehrsprachigkeiten“ (Deutsch plus die jeweilige Migrantensprache) bilde sich eine „doppelte Anderssprachigkeit“ bei den Sprechern heraus: das gesprochene Deutsch sei nicht identisch mit der Standardumgangssprache, die gesprochene Herkunftssprache nicht mehr die Sprache des Herkunftslandes. Entscheidend dabei: die Mehrsprachigkeit erzeuge bei den Sprechern einen Modus der Sprachverarbeitung, der die Grammatik verändere und vereinfache.

„Deutscher Dialekt“

Der Einfluss der Migrantensprachen sei noch ein unbeschriebenes Blatt in der Kontaktlinguistik, die Zurückhaltung der Forscher der „Political Correctness“ geschuldet; die Linguistik fürchte das Stigma der Ausländerfeindlichkeit. Die subtilen Veränderungen der Sprechnorm einer Sprachgemeinschaft gelte es dagegen unvoreingenommen zu untersuchen.
Der „alte Sprachpflegeblick“, mit dem Bestehen auf der Einhaltung fester Sprachnormen, sei ebenso wenig geeignet, die Vorgänge des Wandels zu erfassen, wie die Vermutung, Sprachwandel sei stets eine Bereicherung. So hatte etwa die Germanistin Bettina Wiese das „Kiezdeutsch“, die Sprechweise Berliner Jugendlicher auf Schul- und Hinterhöfen, als nützliche Neuerung des Deutschen hervorgehoben. Dies führte zu massiver Kritik seitens der Sprachwissenschaft. Die unkritische Verklärung einer Jugendsprache, die auf Einflüssen anderer Sprachen und fehlerhaftem Deutsch beruht, zu einem „deutschen Dialekt“, trage zur Zementierung sprachlicher Probleme ganzer Bevölkerungsschichten bei.

Kritik

Derweil wird Hinrichs nicht nur wegen der fehlenden empirischen Belege für die tatsächliche Häufigkeit der von ihm beispielhaft beschriebenen Normabweichungen außerhalb der betrachteten Ethnolekte (Russisch-Deutsch, Türkisch-Deutsch etc.) kritisiert. Bezweifelt wird z. B. auch, dass das Fehlen einer grammatischen Kategorie (etwa Artikel im Türkischen) automatisch zu deren Nichtbeachtung in der Fremdsprache führt.
Die Vereinfachung der Flexion mit abbröckelnden grammatischen Endungen ist nachweislich schon seit langem im Gange; Verwechslung von Präpositionen, Verhunzung des Konjunktivs und Verdrängung des Genitivs sind seit Jahrzehnten die Topthemen der Sprachpfleger. Diese Phänomene können daher kaum ursächlich mit der Existenz von Migrantensprachen in Verbindung gebracht werden, selbst wenn diese Vorstellung weit verbreitet ist.

Auslöser für den Sprachwandel

In einer Repräsentativumfrage des Instituts für Deutsche Sprache gaben 2009 ca. 84 Prozent der Befragten an, dass ihnen Veränderungen der deutschen Sprache aufgefallen seien. Unter den vermuteten Auslösern wurden Migranten an zweiter, fremde Sprachen und Kulturen an vierter Stelle genannt.
Aber Hinrichs selbst bleibt den Nachweis schuldig, wie denn die Minimalismen und Mischformen in das Durchschnittsdeutsch gelangen und räumt dies auch ein: Die „Dynamik, wie sich dies vollzieht“, bleibe im Dunkeln – aufgrund fehlender Forschung.
Seine These hält er dennoch aufrecht, dass bestimmte Züge des Migrantendeutsch auch die Standardsprache im Mund von Deutschen ohne Migrationshintergrund verändern.
Der Linguist Rudi Keller sieht den Sprachwandel als Ergebnis des Wirkens einer „unsichtbaren Hand“. Die systematischen Fehler von heute seien mit großer Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen. Genügend Stoff für einen „Zweiten Bericht“ zur Lage der deutschen Sprache.

Red.: LLL/Bernd Eckhardt
Foto: Christian Schwier/fotolia

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Bernd Eckhardt

Bernd Eckhardt

Leiter Fachbereich Sprachen an der VHS Frankfurt bei VHS Frankfurt
Sprachexperte
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