Das grammatische Geschlecht: seine Reize, seine Tücken

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Das grammatische Geschlecht: seine Reize, seine Tücken

Jedes Substantiv hat eins, einige sogar zwei. Die Rede ist vom grammatischen Geschlecht (lat.: Genus). Für alle Substantive des Deutschen ist ein solches Genus festgelegt, unabhängig davon, ob die dadurch bezeichneten Gegenstände im biologischen Sinne als weiblich oder männlich zu bestimmen sind: die Gabel, der Löffel, das Messer. Im deutschen Rechtschreibwörterbuch ist es durch den bestimmten Artikel (der, die, das) angegeben; „das“ zeigt das Neutrum an. Im Übrigen markieren – wie der Linguist dies nennt – auch die Adjektive und einige Pronomen das Genus: ein grüner Baum, eine grüne Jacke, ein grünes Blatt bzw. dieser, diese, dieses. „Die Verteilung ist ohne Sinn und Methode“, wie Mark Twain zu Recht einst kritisch feststellte.

Muttersprachler haben´s gut!

Die Muttersprachler erwerben die Zuordnungen intuitiv, Deutschlerner tun sich schwer damit, auch wenn eine gewisse Regelhaftigkeit das Erkennen erleichtert. So sind u. a. Tage, Monate, Jahreszeiten, Wetter und Witterung, Mineralien und Bergnamen männlich, weisen zudem bestimmte Suffixe (z.B. –an, -ant, -el, -er, -eur, -el, -ist, -ling) auf das Maskulinum hin. Das Femininum wird durch andere Suffixe angezeigt (etwa: -ade, -ei, -ion, -heit, –keit, -schaft) und dominiert etwa bei Bäumen, Blumen, Schiffen, Flugzeugen und Motorradmarken. Das Neutrum wiederum findet sich überwiegend bei Farbnamen, chemischen Elementen, Buchstaben und Noten.

Große Verwirrung

Unübersichtlich wird es aber bereits dadurch, dass im Deutschen biologisch Weibliches nicht immer auch mit dem Femininum bezeichnet wird (das Weib, das Fräulein, das Mädchen, der Blaustrumpf). Manche Substantive weisen gar zwei grammatische Geschlechter auf (der Gummi, das Gummi) und verändern dabei in einigen Fällen auch die Bedeutung (der See, die See). Vollends verwirrend ist die Bestimmung des grammatischen Geschlechts von Kunst- oder Fremdwörtern; auch letztere sind ein Bestandteil der deutschen Sprache. Zur „Eindeutschung“ gehört die Zuweisung eines Genus. Aber wie kommt das Fremdwort zu seinem Genus?
In diesem Findungsprozess konkurrieren offenkundig mehrere Prinzipien miteinander, was gelegentlich zu verschiedenen Ergebnissen führt, von denen keines falsch ist. Eine Orientierung an der Wortform/Endung ist ebenso üblich wie die an einer semantischen Analogie (der Service/ der Dienst) oder an einem Oberbegriff: Die Cola hat die auf das Femininum verweisende Endung und harmoniert mit dem Oberbegriff: die Limonade. Aber schon das Beispiel des Apfels im Deutschen (der Apfel; Oberbegriff: die Frucht) zeigt, dass auch hier Ausnahmen von der Regel üblich sind. Oberbegriff und Endung können aber auch divergieren was dann folgerichtig zu zwei Genera führen kann. Im Falle „Nutella“ dominiert das Femininum (Endung), ist aber neben dem Neutrum (das Nutella-Glas) gelegentlich auch noch ein „der“ (Oberbegriff: Brotaufstrich) gebräuchlich. Ein weiteres Konzept stellt die Übernahme des Genus aus der Herkunftssprache dar: der Grappa (Oberbegriff: der Schnaps) und die Grappa, weil im Italienischen weiblich. Angesichts dieser Vielfalt wird auch den Muttersprachlern die Verzweiflung der Deutschlerner begreiflich.

Falsches Genus als Provokation

Von den aus der „Naturwüchsigkeit“ des Sprachlichen entstehenden Verunsicherungen zu unterscheiden sind die beabsichtigten Irritationen durch die gezielte Verwendung eines unerwarteten Artikels: ein „falsches“ Genus als provokant eingesetzter Stolperstein. So erntete die vormalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Hohn und Spott mit der Bemerkung, wenn es nach ihr ginge, könne man auch „das liebe Gott“ sagen. Es blieb allerdings nicht bei der Häme, heraus kam ein theologischer Streit, ob man Gott sowohl weibliche als auch männliche Attribute zuweisen könne. Das Beispiel zeigt: Trotz aller Irritation existiert ein unterschiedlich stark ausgeprägtes sprachliches Normbewusstsein, dass den Verstoß zumindest registriert – goutiert oder verwirft; gleichwohl wird zwischen Sexus und Genus, Biologie und Sprache nicht immer trennscharf unterschieden.

Neutral feminin?

Die häufig zu beobachtende Verwendung des Neutrums für Frauen bzw. in Verbindung mit Frauennamen speist sich aus zwei deutlich zu unterscheidenden Motiven. Einerseits wird die Frau durch die Verwendung des Neutrums zum Objekt degradiert, ihr die eigene Handlungsfähigkeit abgesprochen; das Girl, das Playmate, das Luder signalisieren in Abstufungen die Degradierung zum Sexualobjekt. Auch die Bundeskanzlerin (ehemals „Kohls Mädchen“) wurde jüngst zum Ziel dieser subtilen grammatischen Methode der Herabwürdigung: „Das Merkel muss weg“. Andererseits sind mit dem Neutrum gekoppelte Frauennamen in zahlreichen Dialekten üblich und drücken keineswegs Verachtung aus, was bereits daran abzulesen ist, dass die Frauen selbst sich so bezeichnen. Was dem Rheinländer dat Erika, ist dem Pfälzer et Ännchen; in Nordhessen dagegen beginnen alle Frauennamen mit einem „s“: s` Mariechen, s` Hilde usw. Das Neutrum drückt in diesem Falle Bekanntheit, Nähe und Sympathie aus.

Kompliziertes Deutsch

Mark Twain, der bereits erwähnte Kritiker der deutschen Sprache, lag aber dann doch mit seiner Auffassung völlig falsch, dass das Deutsche ein besonders unregelmäßiges Genus-System habe und sich im Vergleich mit anderen Sprachen besonders irrational verhalte. Die überwiegende Zahl der Sprachen verfügt nämlich nicht über ein transparentes und widerspruchfreies Genus-System. Manche Sprachen kennen überhaupt kein grammatisches Geschlecht (z. B. Türkisch, Finnisch, Indonesisch), andere verfügen über zahlreiche Genera, die nicht nur geschlechterbezogen sind: neben männlichen und weiblichen Menschen finden sich als Kategorien: belebte und unbelebte Gegenstände, kleine und große Dinge, Flüssigkeiten, Gemüse etc. Mark Twain urteilte vor dem Hintergrund seiner Muttersprache. Das Englische unterscheidet sehr gradlinig Frauen (und manchmal weibliche Tiere) durch das Pronomen „she“ von Männern (und gelegentlich männlichen Tieren) durch „he“; der ganze unbelebte Rest mit wird mit „it“ gekennzeichnet.

Transparenzverlust durch Sprachwandel

Bis heute ist vieles nicht geklärt. Weder die Herkunft der Genera, noch ihre verschieden große Zahl in den Sprachen und auch nicht ihre Unregelmäßigkeiten. Es besteht jedoch die Vermutung, dass vormals eine logische Verteilung der Genera bestanden hat und auch die indoeuropäischen Sprachen anfangs mit einem transparenten Genus-System ausgestattet waren. Im Zuge diverser Prozesse des Sprachwandels ging die vermutete ursprüngliche Transparenz verloren, verzeichneten einige Sprachen den Verlust oder Zuwachs von Genera. So büßten die romanischen Sprachen das Neutrum ein, mit der Konsequenz, dass nunmehr unbelebte Gegenstände willkürlich grammatikalisch als männlich oder weiblich markiert wurden. Die daraus folgende Unberechenbarkeit zeigt sich z. B. daran, dass im Spanischen eine Gabel männlich ist (el tenedor) und ein Löffel weiblich (la cucharra).
Als gesichert kann allerdings gelten, dass das grammatische Geschlecht einen Einfluss auf das Denken ausübt: Der in den Niederlanden lehrende Linguist Guy Deutscher behauptet, dass ein Genus-Systems trotz seiner Willkürlichkeit einen wesentlichen Einfluss auf die Gedanken ausübt, dass „die Gewohnheiten der Grammatik auf die geistigen Gewohnheiten jenseits der Grammatik übergreifen“ und bezieht sich dabei auf eine Reihe von Experimenten. So konnotieren Spanischsprechende mit dem Wort Brücke (el puente; Maskulinum) eher männliche Eigenschaften, Deutschsprechende mit „die Brücke“ eher weibliche Eigenschaften. Auch in Untersuchungen mit Franzosen und Spaniern zeigen sich analoge Ergebnisse (le lit – la cama), selbst wenn die Objekte im Versuch nicht benannt, sondern nur durch Bilder präsentiert wurden. Teilnehmer eines weiteren Versuchs mussten sich ein unbelebtes Objekt in Verbindung mit einem Personennamen einprägen. Dies gelang signifikant dann besser, wenn das Genus des Objekts dem Sexus der Person entsprach: Patrick – der Apfel, Claudia – die Brücke bzw. im Spanischen, la manzana – Juanita; el puente – Rodrigo. Im Ergebnis, so folgert Deutscher, sind also in Sprachen mit den Genera Maskulinum und Femininum geschlechtsbezogene Assoziationen ungefragt stets präsent, sei das Abschütteln dieser Assoziationen, die die Genera der Sprache uns auferlegen, nahezu unmöglich.

„Ein Geschenk der Sprache an die Dichter“

Was für die Lerner europäischer Sprachen wie ein Alptraum anmutet, begreift Deutscher als „ein Geschenk der Sprache an die Dichter“. Zur Illustration führt er ein zweistrophiges Gedicht Heines an, in dem ein verschneiter Fichtenbaum (ein „Er“) im hohen Norden sich nach einer sonnenversengten Palme (eine „Sie“) im Süden sehnt. Die untergründige sexuelle Dimension dieser Bildersprache kommt in einer englischen Übersetzung (beide Bäume ein „it“) nicht zum Tragen. Eine berühmt gewordene weitere Übertragung ins Englische korrigierte dies durch die Benutzung von „he“ und „she“ gegen die Regeln der englischen Grammatik.
Der bedeutende Sprachforscher Jacob Grimm sprach in einer Abhandlung über Ursprung und Wirkung des grammatischen Geschlecht von einer „wunderbaren Operation“, durch die „sonst todte und abgezogene Begriffe (…) gleichsam leben und empfindung empfangen“.
Dass man damit wunderbar spielen kann, hat auch ein bekanntes Mitglied der Neuen Frankfurter Schule, Eckhard Henscheid, bewiesen, der in dem Ruf stand, eine „saukomische Sprache“ erfunden zu haben, in der, wie ein Kritiker vermerkte, „ein hoher Ton und niedere Beweggründe munter Trampolin springen“. Drei Jahre nach Veröffentlichung seiner erfolgreichen „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ trug eine Erzählung den Titel: „Beim Fressen beim Fernsehen fällt der Vater dem Kartoffel aus dem Maul.“ Auch die Misere des alltäglichen Lebens erhält auf diese Weise eine poetische Dimension.

Red.: LLL/Bernd Eckhardt
Foto © tishchenko/fotolia.com

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Bernd Eckhardt

Bernd Eckhardt

Leiter Fachbereich Sprachen an der VHS Frankfurt bei VHS Frankfurt
Sprachexperte
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