Rezensionen

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Rezension: „Exodus“ von Paul Collier

ExodusDer in Oxford lehrende Migrationsökonom Paul Collier hatte die Regierung Merkel Anfang des Jahres heftig dafür kritisiert, in der Flüchtlingspolitik falsche Signale gesetzt zu haben. Menschen aus sicheren Drittstatten in großer Zahl die Türen zu öffnen, beschwöre die Gefahr herauf, dass sich mehrere hundert Millionen wanderungsbereiter Menschen auf den Weg machten; einmal in Bewegung gesetzt seien sie kaum mehr aufzuhalten. Collier, dessen Vorfahren selbst aus Deutschland emigrierten, hat in seinem 2014 erschienen Buch die Frage nach einer angemessenen Einwanderungspolitik versucht zu beantworten. Allgemeinverständlich geschrieben sollte dennoch ein breites Spektrum einschlägiger sozialwissenschaftlicher und moralphilosophischer Forschung aufbereitet und analysiert werden; dies ist ihm durchaus gelungen. Drei leitende Fragestellungen strukturieren die Darstellung: Was bestimmt die Entscheidung von Migranten? Wie wirkt sich die Migration auf die Zurückbleibenden aus? Welche Folgen hat die Migration für die Aufnahmegesellschaften? → mehr lesen

Logbuch Deutsch – wie wir sprechen, wie wir schreiben

logbuch-deutschEin Logbuch misst die Geschwindigkeit eines Schiffes, verzeichnet Kurs und Fahrtstrecke, hält relevante Ereignisse an Bord fest. Der Philologe Roland Kaehlbrandt will mit seinem „Logbuch Deutsch“ analog den Kurs (mit)bestimmen, den die deutsche Sprache einschlägt, und Entwicklungen aufzeigen, die Kursänderungen dringend nahelegen. Zugespitzt formuliert: Der Autor hat eine beherzte „Ruck-Rede“ in Buchform verfasst. Denn derzeit seien wir dabei, den Status des Deutschen als Hochsprache und seine Errungenschaften als Kultursprache zu verspielen, durch Geringschätzung und fehlerhaften Gebrauch. Er eröffnet seine Schrift aber nicht mit Kassandrarufen, sondern mit einem Loblied auf die deutsche Sprache und benennt wesentliche Vorzüge: Die unerschöpfliche Wortbildungsfähigkeit, die einen reichhaltigen Wortschatz (!) hervorgebracht hat, in der Allgemeinsprache, der Wissenschaft und vielen Fachsprachen; den elastischen Satzbau, der durch geringe Umstellungen vielfältige Nuancierungen ermöglicht.  Ferner die Präzision im Ausdruck, die durch die vielen Verben mit Vorsilben ermöglicht wird und die Beziehungsfähigkeit des Deutschen, dass mit den zahlreichen Abtönungspartikeln (doch, bloß, wohl, etwa) die Sprache geschmeidig hält.

Aus der Realität des Sprachgebrauchs ist dagegen zu vermelden: mangelnde Sprachbeherrschung auch vieler Deutschstämmiger, nachlässige, am Mündlichen orientierte Schreibgewohnheiten, antrainiert in Emailverkehr und Internetblogs; eine hohe Quote von Analphabeten; die Klage von Gymnasiallehrern und Professoren über Grammatiklücken und Wortschatzdefizite von Schülern und Studenten ist Legion. Es fehle zudem der Kompass für gutes und richtiges Deutsch. Die geschlechter-gerechte Sprache sei eine sprachliche Bevormundung, die das politische Anliegen über die Natur der Sprache stelle. Das „Lockerdeutsch“ der “Hallo-Gesellschaft“ übertrage persönliche und private Register in die öffentliche Kommunikation, das „Imponier-Deutsch gewisser Eliten“ wiederum verwechsle Einfachheit mit Primitivität. Am Schwersten wiege jedoch die Auswanderung der Eliten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik aus der deutschen in die englische Sprache; mit zunehmenden Domänenverlust drohe ein Ausbaurückstand und in letzter Konsequenz der Verfall von Grammatik und Lexikon.

Kaehlbrandt appelliert daher an die Hochschulen, Deutsch als Verkehrssprache zu bewahren und statt „English only“ in immer mehr Studiengängen wenigstens die Zweisprachigkeit zu pflegen. Für Gastwissenschaftler und ausländische Studenten seine verpflichtende Deutschkurse einzurichten. In den Schulen sei eine hinreichende Anzahl von Deutschkursen erforderlich, Deutsch als Zeitsprache sollte für alle Lehrkräfte verpflichtend sein. Sprachbildung als Aufgabe der gesamten Sprachgemein-schaft bedürfe auch der Unterstützung durch stärkere Normierung, etwa durch das Institut für deutsche Sprache und die Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Und nicht zuletzt seien auch die Politiker gefordert, das Deutsche als gleichberechtigte Arbeitssprache in den Institutionen der Europäischen Union durchzusetzen sowie die Sprachverbreitungspolitik in der Welt zu überdenken. Dazu gehöre, die Deutsche Welle nicht zunehmend in englischer Sprache senden zu lassen.

Der Autor setzt sich wohltuend von nörgelnder Sprachkritik ab, die einen einmal erreichten Sprachstand konservieren möchte. Subtil werden das Verhältnis von Sprachwandel und Sprachnorm sowie die Rolle des Staates bei der Normierung in der Vergangenheit beschrieben, kontrastiv zur Situation in Frankreich. „Das Deutsche ist die Sprache des aufgeklärten Geistes und eines freiheitlich-optimistischen Lebensgefühls“, zitiert der Autor zum Schluss eine deutsche Abiturientin libanesischer Herkunft und verbindet gerade mit der Zuwanderung die Hoffnung, dass die deutsche Sprache wieder an Bedeutung gewinnt, als identitätsstiftendes Moment bei der Integration in die Sprach- und Wertegemeinschaft.  Das „Logbuch“ besticht durch die gut lesbaren und beispielgesättigten Erörterungen vieler kontrovers gehandelter Themen und ist als Vademekum allen professionell mit der deutschen Sprache Befassten sehr zu empfehlen.

Andreas Hock: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“

Andreas Hock hat sich vorgenommen, einem breiten Publikum zu erklären, “warum unsere Sprache einen fortschreitenden Niedergang erleidet“. Dazu wählt er einen unterhaltsamen Plauderton, garniert seine Ausführungen mit einer Fülle von mehr oder weniger bekannten Anekdoten und Witzeleien, bedient sich vielfach der Zuspitzung und Vereinfachung von Sachverhalten. Das ist legitim, denn er will ja mit seiner Botschaft schließlich viele erreichen und nicht nur die, die es ohnehin schon wissen. Vergleicht man aber die Kern-Aussagen seines Buches mit dem Titel-Thema („Niedergang unserer Sprache“) muss man ihm zunächst leider attestieren: Thema verfehlt. Denn der Niedergang, den er beschreibt, handelt vom aktuellen Sprachgebrauch großer Teile der deutschsprechenden Bevölkerung, mit dem es in der Tat nicht zum Besten steht; dieser ist aber nicht identisch mit der Sprache. Dazu später mehr. → mehr lesen

„Von Babylon nach Globylon“

Von Babylon nach GlobylonOliver Baer, Von Babylon nach Globylon

IFB-Verlag, Paderborn, 2011

Der Suchbegriff „Globylon“ verweist mit den ersten achtzig Treffern in Google auf die Veröffentlichung von Oliver Baer unter dem eingangs genannten Titel. Trotz aller Vorsicht, die die undurchsichtigen Algorithmen der Suchmaschine gebieten, dürfte ihm die Vaterschaft für die Begriffsschöpfung angedient werden. Für was aber steht „Globylon“? In der Lesart Baers ist es das Scheitern des neuzeitlichen Versuchs, der Sprachenvielfalt Herr zu werden. Denn je mehr Menschen Englisch als Lingua Franca verwenden, desto mehr zerbröckelt es zu Varietäten. Das Projekt einer Sprache als einheitliches, universelles Ausdrucksmittel unterschiedlicher Kulturen muss scheitern – allein aus system-theoretischen Gründen. → mehr lesen

Zigeuner im Abseits – wie die „political correctness“ ein Problem verkennt

Rolf Bauerdick, Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013

Zigeuner? Ein diskriminierendes Schimpfwort, das sagt man nicht! Zumindest, wenn es nach dem Zentralrat der Sinti und Roma und zahlreichen Meinungsbildnern in der deutschen Öffentlichkeit geht. Im Widerspruch dazu bezeichnen sich aber nicht nur weltweit Menschen als Gitanos, Tzigani oder Zingaros und in Deutschland nicht wenige selbstbewusst und mit Stolz als Zigeuner. Rolf Bauerdick betitelt sein Buch „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“, auch, weil er den jahrhundertealten Begriff keineswegs als pejorativ, den Streit um den richtigen Begriff dagegen als grotesk empfindet und ihm nichts ferner liegt als rassistische Diskriminierung. Die Rede vom „Volk der Zigeuner“ rufe die Vorstellung einer ethnischen Homogenität hervor, die schon lange nicht mehr existiere. Seit sie vor tausend Jahren aus dem indischen Punjab nach Europa aufbrachen, habe sich ein Geflecht von Stämmen, Sippen und Familienverbänden herausgebildet, deren Fremd- und Eigenbezeichnungen auch Ethnologen nur schwer überblickten.

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Bildung in der „Wissensgesellschaft“ – Zu Theorie und Praxis der Unbildung

„Kann Bildung zum Glück beitragen?“ Konrad Paul Liessmann leitet seine aktuelle Streitschrift mit dieser Frage ein, um sie bereits im Vorwort negativ zu beantworten: Die Verbindung von Glück und Bildung sei in unserer Zeit allen ohne Ausnahme verwehrt; Schuld daran sei das „Gespenst“ der Unbildung, dass sich in den Zentren der vermeintlichen Wissensgesellschaft eingenistet habe. Während „Halbbildung“ (Adorno) sich noch kritisch auf die Idee der Bildung bezog, ist die durch ihn bereits in einer früheren Veröffentlichung diagnostizierte Unbildung einerseits durch die Abwesenheit jeder normativen Idee von Bildung bei gleichzeitig durchaus intensivem Umgang mit Wissen gekennzeichnet. Es ist die angebliche Wissensgesellschaft selbst, die den Erwerb von Wissen anscheinend eher verachte, sei doch das Faktenwissen zum Unwort gestempelt, dagegen die Kompetenzorientierung zum Zauberwort erkoren worden. Durch die Idee, kompetent mit jedem beliebigen Wissen umzugehen, werde das Wissen selbst beliebig und entwertet. → mehr lesen